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Die Cyborgs sind unter uns

Smartphone, Auto, Mikrowelle – täglich erleichtert uns Technologie den Alltag. Sogenannte Cyborgs gehen sogar soweit sich technische Gadgets in den eigenen Körper einpflanzen zu lassen. Amputierte haben dagegen keine andere Wahl – sie sind auf ihre High Tech Prothesen angewiesen.  Die Technologie bietet viele Möglichkeiten die eigenen körperlichen Grenzen zu überwinden.


Von Christina Hümmer

Der Zukunft ganz nah

Sie tragen Mikrochips unter der Haut, versuchen Implantate zu hacken und bauen High-Tech-Gadgets für ihren Körper. Sogenannte Cyborgs versuchen sich durch Technologie zu perfektionieren. Doch wie viel Technik verträgt der Mensch?

„Statt mit den Füßen zu treten, setzten Helvas Nervenreflexe ihre Räder in Bewegung; statt mit den Händen zu greifen, bediente sie mechanische Verlängerungen. Sie würde zur Elite unter Ihresgleichen gehören. Solange ihre Kapsel den Erwartungen gerecht wurde, würde Helva ein lohnendes, reiches und ungewöhnliches Leben führen, ein himmelweiter Unterschied zu dem, das sie als gewöhnlicher, als „normaler“ Mensch zu erwarten gehabt hätte.“
1969 veröffentlichte die Science-Fiction-Autorin Anne McCaffrey ihren Roman „Ein Raumschiff namens Helva“. Die Protagonistin Helva kam körperlich schwerbehindert zur Welt. Ihr droht die Euthanasie, da sie aber besonders intelligent ist, wird sie zum Cyborg ausgebildet.
Die Technologie, die Anne McCaffrey in ihrem Roman beschreibt, ist heute teilweise schon Realität. Nervenreflexe können zwar noch keine Raumschiffe steuern aber durchaus Neuroprothesen oder gedankengesteuerte Rollstühle kontrollieren.
Cyborgs sind nicht mehr nur in Werken des Science-Fiction-Genres anzutreffen. Während die Möglichkeiten der Technologie immer weiter wachsen, gibt es immer mehr Menschen, die sich auch in der Realität als Cyborg bezeichnen. Einer von ihnen ist Stefan Greiner.
Ende 2013 gründete er den Verein Cyborgs in Berlin mit. Auf der Homepage bezeichnet sichder Verein als „Gesellschaft zur Förderung und kritischen Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Technik“.
„Für mich ist ein Cyborg ein Mensch, der seine mentalen oder physischen Fähigkeiten durch Technologie erweitert“, erklärt Greiner, „Es gibt keine endgültige Definition. Die Erweiterung kann auch eine mentale Beziehung zu Technologie sein.“ Wer also sein Smartphone intensiv nutzt, kann sich auch als Cyborg bezeichnen. Grundsätzlich kann jedoch jeder, der am Thema Mensch-Maschine interessiert ist, dem Verein beitreten – egal ob er sich selbst als Cyborg bezeichnet oder nicht.
Jeden Montag treffen sich die Mitglieder und diskutieren über neue Chancen, mit Hilfe der Technologie ihre Fähigkeiten zu erweitern. Sie kommen aus verschiedensten Fachbereichen: Künstler, Geisteswissenschaftler, Hard- und Softwareentwickler  und viele mehr suchen gemeinsam nach Wegen, Implantate zu hacken, zu verbessern oder neue Technologien für den menschlichen Körper zu entwickeln. Bei ihren Treffen diskutieren die Mitglieder auch darüber, wie eine zukünftige Gesellschaft, in welcher der Mensch mit der Technik verschmolzen ist, funktionieren könnte. „Bei uns steht der freiheitliche Gedanken im Vordergrund. Jeder sollte sich in seiner Persönlichkeit entwickeln können, wie er will“, sagt Greiner.

Verbesserung um jeden Preis

Cyborg Stefan Greiner

Stefan Greiner hat sich einen Magneten in den Finger einpflanzen lassen.

Letztes Jahr ließ er sich einen Magnetchip in den Ringfinger implantieren. Mit diesem konnte er Stromleitungen in Wänden spüren und elektromagnetische Wellen wahrnehmen. Weil der Magnet jedoch in seinem Finger verrutscht war, ließ er ihn wieder entfernen. „Es ist wirklich mehr ein exploratives Vorgehen. Du probierst das mal und schaust dann mal, wie es ich anfühlt“, erläutert Greiner. Dass er dabei auch seine Gesundheit aufs Spiel setzt, ist ihm durchaus bewusst: „Es ist immer ein großes Risiko dabei. Allein wegen dem invasiven Eingriff in den Körper, in die Haut, in den Stoffwechsel.“
Ein Arzt würde bei so einem Eingriff die Zulassung verlieren. Cyborgs nutzen daher die Möglichkeiten der sogenannten Body Modification Szene. Dabei lassen sich Menschen unter anderem Silikonimplantate, zum Beispiel in Form von Hörnern, unter die Haut einpflanzen – aus rein ästhetischen Gründen. In Body Modification Studios können sich die Cyborgs die Gadgets einpflanzen lassen. „Ein absolut steriler Raum wäre schon besser, dann müsste man nicht auf andere Maßnahmen zurückgreifen. Viele machen solche Eingriffe auch zu Hause und wissen gar nicht, was da alles passieren kann“, meint Greiner. Um ihre Wahrnehmungssinne zu erweitern, nehmen sie diese Risiken trotzdem in Kauf. Der Magnet, den sich Stefan Greiner einpflanzen ließ, mag sich wie eine technologische Spielerei anhören, wenn man einen Blick auf Forschungen im Bereich der Neurotechnik wirft.
So können zum Beispiel mit Hilfe von sogenannten Gehirn-Computer-Schnittstellen Menschen allein mit ihren Gedanken Nervenimpuls-gesteuerte Prothesen kontrollieren.
Dazu werden Elektroden im Gehirn implantiert. Diese analysieren die Gehirnaktivität, so dass der Computer erkennen kann, wie der Patient sich gerne bewegen würde und einen Befehl erstellen kann.Eine künstliche Nervenbahn überträgt den Befehl an den Muskel, welcher sich dann entsprechend bewegt. Die Neuroprothese ist nur ein Beispiel von vielen Möglichkeiten, die Gehirn-Computer-Schnittstellen bieten. Was aber, wenn eine solche Schnittstelle einmal fehlerhaft funktioniert? Wenn der Computer ein Signal falsch decodiert und der Patient eine falsche Bewegung macht – möglicherweise verletzt wird?
„Man muss immer nach den Risiken fragen. Da geht es um Sorgfaltspflichten, versicherungstechnische Fragen und Nutzungseinschränkungen“, sagt Professor Jens Claussen. Er lehrt und forscht am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Tübingen. Dabei beschäftigt er sich viel mit dem Thema Gehirn-Computer-Schnittstellen.„Das sind theoretische Überlegungen, die dem Betroffenen erst einmal egal sind. Die Menschen sind schon froh, wenn sie nach einem Becher greifen können.“ Ziel der Ethik sei es nicht, sich der Forschung in den Weg zu stellen, aber man müsse die Risiken genau klären, meint Claussen. Das Ziel der Forscher, die Lebensqualität von behinderten Menschen zu verbessern, nennt er höchst ehrenwert.
Dagegen steht Claussen der Nutzung von Human Enhancement Technologien mit nicht-therapeutischen Zielen skeptischer gegenüber. „Sich einen Chip in den Finger implantieren zu lassen, um Magnetfelder wahrnehmen zu können – kann man machen oder kann man lassen. Anders ist das bei futuristischen Phantasien wie Gehirnimplantate. Das sind Gedankenexperimente, die Transhumanisten durchführen. Einem gesunden Menschen Elektroden ins Gehirn zu verpflanzen, halte ich für fragwürdig.“

Homo Sapiens 2.0

Der Transhumanismus ist eine philosophische Denkrichtung, welche die Möglichkeit, den Menschen durch Technologien zu verbessern, bejaht, solange es die Lebensqualität fördert. Der Philosoph Stefan Sorgner ist einer der wenigen Vertreter des Transhumanismus in Deutschland. „Transhumanisten zweifeln die Unterscheidung zwischen therapeutischen und nicht-therapeutischen technologischen Maßnahmen an. Es ist schwierig dort eine deutliche Grenze zu ziehen“, sagt Sorgner.
Das jüngste Beispiel ist der Fall des Weitspringers Markus Rehm. Weil dem Sportler ein Unterschenkel amputiert wurde, durfte er nicht an der Europameisterschaft teilnehmen. Der Deutsche Leichtathletik Verband hatte befürchtet, dass ihm seine Carbon-Prothese einen Vorteil gegenüber den nicht-behinderten Sportler einbringen würde. Hier bot die Technologie mehr Leistungsfähigkeit geboten als die menschliche Biologie es kann.
Für manche Transhumanisten ist die Verbesserung des Menschen nicht nur moralisch legitim, sondern sie sehen sogar eine Pflicht, sich technologisch weiterzuentwickeln. Sorgner dagegen vertritt die Meinung, dass jedes Individuum frei entscheiden können sollte. „Aber ich gehe davon aus, dass es durchaus im individuellen Interesse ist, sich weiter zu verändern, zu verbessern, neuere Fähigkeiten zu lernen“, erklärt Sorgner.
Während es bereits Hirnschrittmacher zur Behandlung von Parkinson gibt, reichen die Vorstellungen der Transhumanisten bis zum „mind uploading“. Dabei sollen Gehirninhalte auf digitale Trägermedien gebracht und ein virtuelles Bewusstsein geschaffen werden. Ob es sich dabei bloß um einen Traum oder um eine realisierbare Idee handelt, wird sich erst in der Zukunft zeigen. Fakt ist, dass Transhumanisten bereits jetzt ihre Hoffnungen auf zahlreiche Forschungsfelder setzen können – sei es Gentechnik oder anderen Formen der Biotechnologie, Neurowissenschaft oder Nanotechnologie, Pharmakologie, Kryonik, Robotik oder künstliche Intelligenz. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, den menschlichen Körper zu perfektionieren. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Überleben der Menschheit mit einer Weiterentwicklung der menschlichen Art zusammenhängt. Vielleicht ist es eine Weiterentwicklung hingehend zu etwas, das wir nur noch als Trans- oder Posthumanen bezeichnen können. Das ist der angemessene Schritt auf die Herausforderung des In-der-Welt-Seins, eine Antwort auf die Gefahren, mit denen wir täglich konfrontiert sind“, meint Sorgner.
Muss die Menschheit sich also um jeden Preis perfektionieren, um überhaupt überleben zu können – auch wenn dabei ein posthumanes Wesen entsteht, das nur noch auf künstlicher Intelligenz beruht?
„Die zentrale Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Welche Menschen wollen wir sein? Was für eine Gesellschaft? Wir brauchen eine Verständigung, wie wir leben wollen. Das ist eine philosophische Frage, die die Menschheit beschäftigt seit es sie gibt“, betont Claussen dagegen.
Nicht jeder will Human Enhancement oder die Idee des Transhumanismus unterstützen, aber man kann kaum bestreiten, dass Technologie schon jetzt  das Leben der Menschen extrem beeinflusst. Welchen Einfluss sie jedoch noch auf den Menschen der Zukunft haben wird, das ist eine große Frage, die momentan keiner sicher beantworten kann.

 


 Cyborgs wider Willen

Die Sensoren moderner High Tech-Prothesen messen in Echtzeit  die Kräfte und Bewegungen ihres Trägers – entsprechend reagiert die Prothese. Nadia und Matthias Schumacher sind beide beinamputiert. Das Ehepaar ist auf die Technologie ihrer Prothesen angewiesen.

 


 Zu Besuch beim Orthopädietechniker

Wie und wo entstehen eigentlich Prothesen?
Orthopädietechniker Matthias Schumacher gewährt einen Einblick in seine Arbeit.

 

style=margin:10px; padding:10px;Christina Hümmer
Ich bin ein Cyborg – das habe ich bei meinen Recherchen herausgefunden. Mein Smartphone ist mein ständiger Begleiter. Dass mir die Technologie das Leben tagtäglich erleichtert, war keine Überraschung. Für mein Medien und Kommunikation Studium kann ich das auch nicht vermeiden. Menschen kennenzulernen, deren Leben noch viel intensiver von der Technologie bestimmt wird, fand ich extrem spannend und hat mich vor eine ganz neue Frage gestellt: Wie viel Technologie vertragen wir noch?
Christina HuemmerDie Cyborgs sind unter uns